MANFRED HEINZE
visual arts


BLOG

On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

Administration

Atom

2017-12-20

Gewebe (2014)

eMail von Adolf Hermann an Manfred Heinze, 25. April 2014
… kannst Du mir für einen kunsthistorischen Artikel zu Bildträgern in der bildenden Kunst bitte die folgende Frage beantworten:Du maltest früher manchmal, und jetzt fast überwiegend auf industriell gewebtem Stoff. Was ist Anlaß und Hintergrund dieser Strategie?
 
eMail von Manfred Heinze an Adolf Hermann, 27. April 2014
Strategie? Die meisten Maler malen auf Stoff. Also meist auf industriell hergestelltem Leinen, einige auch auf Baumwolltuche oder neuerdings auf synthetischen Stoffen. Es fällt mir schwer hier von Strategie zu reden. Aber ich weiß natürlich was du meinst. Du meinst farbige oder gemusterte Stoffe, die in ihrer Bestimmung ja eigentlich nicht als Bildträger für Malerei gedacht sind, also Zweckentfremdet sind. Nun ist es ja so, dass ein Bildmotiv, sei es gegenständlich oder abstrakt, meist besser wahrnehmbar ist, wenn der Bildträger erst einmal eine möglichst neutrale Farbe hat. Also meistens weiß grundiert ist. Meine Motive hingegen vertragen durchaus einen mehrfarbigen oder ornamentalen Hintergrund, den ich natürlich auch malen kann. Aber ich habe mich für den Einsatz farbig gewebter Tuche entschieden. So brauche ich den Hintergrund eben nicht mehr zu erfinden und malen, und diese wunderbaren Stoffe bekommen ausschnitthaft die ihnen gebührende Anerkennung. Denn die Geschichte der Weberei ist sehr faszinierend. Lass sie mich kurz erzählen:
Die Herstellung von Stoffen, also die Weberei, ist nach der Holz- und Steinbearbeitung und noch vor der Töpferei eine der ältesten handwerklichen Techniken der Menschheit. Seit über 30.000 Jahren gibt es Gewebe. Zwei Fadensysteme werden miteinander verwoben. Die längs laufenden Kettfäden bilden den Träger für die querlaufenden Schußfäden des fachlich korrekt bezeichneten Ergebnisses: Gewebe. Diese Gewebe entstehen auf einem Webstuhl, der anfangs mit der Hand bedient wurde, dann immer mehr automatisiert wurden und später im Rahmen der industriellen Revolution als Webmaschine vollkommen ohne menschliches Zutun Tuche im rasenden Tempo herstellte.
Die ersten Webstühle hatten an Steinen hängende Kettfäden, mit denen Stoffe aus Flachs, Rindenbast oder Wolle gewebt wurden. Vor etwa 2.500 Jahren gab es schon Stoffe aus Leinen und chinesischer Seide, und die Germanen webten komplizierte Muster. Ganz interessant ist hier, dass es eine Zeit gab, in der die Bildweberei mit der Malerei in Konkurrenz stand. Wann das war, weiß ich aber nicht genau, vermutlich zur Zeit der Gobelins im 17. Jahrhundert, aber dazu musst du selbst noch einmal recherchieren. Diese Webtechnik hielt sich über 30.000 Jahre bis ins Mittelalter. Viele Völker Asiens und Afrikas, und später auch die Griechen, kamen damit zu großem Reichtum und behaupteten sich bis ins 13. Jahrhundert. Im frühen Mittelalter dominierten orientalische Gewebe den Weltmarkt. Die Seiden- und Wollstoffe waren mit üppigen Ornamenten versehen, aus denen dann prunkvolle Kleider für Könige, Kaiser und andere Adlige gefertigt wurden. Auch die einfacheren Leute, wenn sie es sich leisten konnten, nähten sich aus diesen herrlichen Stoffen Kleidung für besondere Anlässe. Zu dieser Zeit kam auch die Seide nach Europa, wo im 15. Jahrhundert die Weberei eine Industrie zu werden begann. Auch in Deutschland bildeten sich über das ganze Land verteilt Zentren der Stoffproduktion, die sich radikal veränderte, als im späteren Mittelalter der Flachwebstuhl erfunden wurde und so den Jahrtausende alten vertikalen Webstuhl ablösten. Kette und Schuss verliefen nun horizontal. In diese Zeit fiel auch die Erfindung der Bandweberei mit Webstühlen, die mehrere Bänder gleichzeitig weben konnten.Im 18. Jahrhundert erfuhr der Webstuhl wesentlich Veränderungen. Die Schussfäden konnten dann über eine Mechanik automatisch bewegt werden, und Anfang des 19. Jahrhunderts erfand der französische Seidenweber Jacquard den mit Lochkarten programmierbaren Webstuhl, der so die Kettfäden einzeln heben und senken konnte. Es gab plötzlich unendlich viele Möglichkeiten der Mustergestaltung. In der Folge wurde die Mechanisierung immer weiter getrieben und erst Wasserkraft, dann Dampfmaschinen und später der elektrische Antrieb revolutionierten die ganze industrielle Entwicklung und natürlich auch (und meistens zuerst) die Stoffherstellung. Nur im Kunsthandwerk wird mit Tischwebrahmen auch heute noch mit der Hand gewebt.
 
Diese lange Geschichte des Zusammenfügens einzelner Fäden zu einem geschlossenen Gewebe ist es, die mich fasziniert, und ich möchte nicht länger das Gewebe als Bildträger unter meinen Farbschichten verstecken, sondern ich will die Vielfalt der Stoffe mit ihren Mustern, Bildern, Rastern und Ornamenten zum Hintergrund und Untergrund und zur Geschichte meiner Werke machen. Ich nutze also ein Readymade und überarbeite es. Und die Auswahl ist riesig. Kleiderstoffe, Polsterstoffe, Dekostoffe und technische Gewebe kommen in Frage. Ich will aber auch bekannte oder berühmte Stoffe nutzen, indem ich sie fotografisch auf einen Trägerstoff drucken lasse, sofern ich keine Replik bekommen kann. Zum Beispiel das angebliche Leichentuch mit dem Konterfei Jesu aus Turin oder das Marientuch, das als Reliquie in der Kathedrale von Chartres zu sehen ist. Aber auch das schwarzweiße maschendrahtartige Arafattuch oder der schöne blaugraue Stoff der Einheitskleidung der Chinesen der 1960er Jahre wären gute Ausgangsmaterialien für meine Werke. Sie würden dadurch nicht nur einen Bezug zur Geschichte herstellen, sie würden, je nach Stoff, sogar politisch interpretierbar.
   Da meine Zellen als Konzept fest stehen, bleiben als Parameter die Ausführung, die Anordnung, die Anzahl, die Proportionen und Farbigkeit des Gemäldes, die in einen Dialog mit den vorgefundenen Stoffen treten. Interpretieren will ich die Bildaussage allerdings nicht. Was es bedeuten könnte, wenn ich ein Leinentuch mit dem eingewebten Hasen von Dürer mit Zellen übermale, überlasse ich dem Betrachter. Sieht er Kritik ist es gut so, sieht er Zerstörung ist das OK und sieht er nur ein schönes Gemälde, so ist auch das wunderbar. Mir selbst geht es ja nur um das Bild, nicht um irgendeine Aussage. Sie stehen für sich selbst und nicht symbolisch für etwas Anderes. Ich möchte die Befreiung von allen politischen, religiösen und allegorischen Konotationen. Aber ich weiß sehr wohl, dass hinter dieser Methode eine ganze Armada von Deutungen lauern, die nicht nur mit dem Motiv, sondern auch mit der Verwendung von Gewebe und meinem Umgang damit zu tun haben. Da ich den Stoff Stoff sein lasse, und ihn nicht auf einen Keilrahmen spanne zeigt dabei nur zu deutlich, dass ich den Stoff nicht nur als Bildträger benutze, sondern ihn würdevoll als gleichberechtigtes Material der Bildgestaltung zur Geltung kommen lasse. Und oft genug ist es im Ergebnis dann so, dass der bemalte Stoff, der frei an der Wand hängt nicht nur Bild, sondern auch Relief ist, und auf dem Boden oder einem Sockel liegend zum Objekt wird.

Admin - 10:20:58 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.