MANFRED HEINZE
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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2017-12-20

Manfred Heinze hat sich vom Keilrahmen verabschiedet (2014)

Lieber Hans,
zunächst einmal vielen Dank für den Hinweis auf die Ausstellung von K.O. in Duisburg.In Berlin habe ich es bei allen drei Besuchen nicht geschafft sie mir anzusehen. Und zu K.O. ́s hundertsten war ich zwar eingeladen, musste aber wegen Darmgrippe absagen. Der olle Götz war ganz schön fertig von seinem Geburtstag, so sagte er mir ein paar Tage später am Telefon, als ich nachträglich noch gratulierte. 
Aber weshalb ich dir eigentlich schreibe: Wir unterhielten uns neulich über das Werk von Manfred Heinze und sein, man muss schon sagen: Endlich umgesetztes Konzept der losen Hängung ohne jegliche Aufspannung und Rahmung. Ich hörte zwar deine Worte, konnte mich aber nicht wirklich auf den Inhalt konzentrieren, da ich gerade von unangenehmen finanziellen Dingen den Kopf voll hatte. Daher mein wohl sinnloses Gestammel wie im Suff. Bitte Entschuldige. Aber ich will dein Gespräch ja nicht so ins Leere gesprochen verhallen lassen. Daher würde ich mich gerne schriftlich dazu äußern:
Manfred Heinze hat sich also endlich vom Keilrahmen verabschiedet. Diesen Schritt hatte ich schon vor Jahren kommen sehen, habe mich aber ihm gegenüber nie dazu geäußert. Viele Arbeiten und Konzepte deuteten längst darauf hin. Den endgültigen Anstoß bekam er, wie du sagtest, durch die Ausstellung von dem ihm bis dahin vollkommen unbekannten Claude Viallat in Bochum? Ja, dass kann ich mir gut vorstellen: 1. Kaum jemand kennt Claude in Deutschland und 2. Sein Werk ist wirklich faszinierend. Eigentlich erstaunlich dass sich so viele Künstler darin einig sind Leinwand oder Stoff auf Keilrahmen aufzuspannen, aber nur so wenige dies nicht zu tun. Ich hielt diesen Schritt für unausweichlich, da alle Parameter dieser Präsentationsform einzeln schon sehr lange gängige Praxis einiger weniger Arbeiten seines Werks sind. 

Ein ganz wesentlicher Aspekt scheint mir die unbegrenzte Bildfläche zu sein, die sich durch die Auflösung eines klar definierten Randes oder Rahmens ergibt. Die „Stofffetzen“ hängen teils mit offenem Rand, also ohne umzunähen, lose auf der Wand, und man hat wirklich den Eindruck, dass es dem Wortsinn folgend nur ein Ausschnitt aus einem viel größeren Werk ist. Ähnlich ging es mir bei Heinzes Tondi, die er ja eine Zeit lang malte. Dazu äußerte er sich auch genau so, dass nämlich diese Tondi nur ein Detail eines großen, gedachten Gesamtbildes sein sollten. Dennoch hatten auch die Tondi immer einen klar umrissenen Rand, der sich deutlich durch die Aufspannung auf runde Rahmen ablesen ließ. Das ist nun vorbei. Und außerdem: Alle aufgespannten Bilder können oder sollen auch einen Schmuckrahmen bekommen, der pure Stoff auf der Wand kann nicht und will auch nicht. Endlich kann die den Galerien und Museen vorbehaltene Hängung ohne Rahmen auch ohne Bauchschmerzen im Wohnzimmer stattfinden.
Interessant finde ich auch die Auswahl der Stoffe. Warum den Untergrund erfinden oder nur weiße Leinwand nutzen, wenn es eine so unglaubliche Auswahl an gewebten und bedruckten Stoffen gibt, die sonst im Kunstkontext nur selten gewürdigt werden. Für Manfred Heinze der ideale Untergrund. Schau dir mal seine bisherigen gemalten Untergründe oder Hintergründe an. Da frag ich mich schon, warum er nicht längst zu fertigen Produkten gegriffen hat. Zumal er ja schon seit Mitte der 1980er Jahre immer wieder die verschiedensten Stoffe für Bilder nutzet. Chinz, Baumwolle, bedruckte Dekostoffe, Pannesamt, und so weiter. Alle möglichen Stoffe finden sich da. Ein alter Kittel aus dem Studio war ebenso dabei wie ein alter Duschvorhang, Kissenstoffe aus Ägypten, Polsterstoffe vom Flohmarkt, alte Hemden, T-Shirts und was weiß ich noch alles. Und angesichts dieser Liste frage ich mich auch: Warum hat er überhaupt noch die klassische Leinwand benutzt? Nun scheint also der Groschen gefallen zu sein und die Leinwand wird fortan ein eher seltener Malgrund für Heinze sein.

Kunstgeschichtlich interessant finde ich aber auch den Umgang mit den Bildern im Verborgenen, also sozusagen Backstage. Ich meine die Lagerung und den Transport der Bilder. Betrachte ich nicht nur die Bilder, sondern den gesamten Prozess von der Auswahl der Stoffe bis hin zur Lagerung, ergibt sich ein in sich schlüssiges Konzeptgebilde rund um das Kunstwerk herum. Das Werk spiegelt, wenn ich genau hinsehe, seine vollständige Existenz. Knicke, Falten, Beulen, ausgefranzte Ränder, Flecken, Farbabbrüche, Farbabrieb – alle Vorgänge der Behandlung und der Handhabung werden deutlich sichtbar im Werk selbst. Das Bild erzählt von seinem Leben über das eigentliche Motiv hinaus. Gerahmte Bilder zeigen nur das Bild, das der Maler auf die Leinwand aufgetragen hat. Heinzes Bilder verraten da viel mehr. Zumal er auch keine Rücksicht darauf nimmt, ob nun die pastos aufgetragene Farbe bei der bewußt unkonventionellen Lagerung als zusammengeknüllter Haufen oder gerollt überhaupt auf dem Stoff halten kann. Ein Farbklumpen fällt von Bild ab? So what! Hat er eben nicht gehalten! Gehörte er wohl nicht dort hin! Mit dieser Einstellung werden von Manfred Heinze grandiose Bilder entstehen, lieber Hans, merke dir diese Worte.

Er zeigt uns schonungslos den Alterungsprozess der Werke, mit dem er auch schon in vielen anderen Werken und Projekten zuvor experimentiert hat. Längst nicht so wie Dieter Roth mit seinen Schimmelbildern, oder Schokoladenbergen, aber zumindest im Ansatz. Leider konnte er die Werke nur selten realisieren. Aber eine Reihe von Bildern auf eigentlich ungeeignetem Papier konnte er schaffen: Chromolux wird mit der Zeit gelblich und manchmal auch fleckig, aber auch andere Papiere verlieren durch den Zusatz von chemischen Stoffen die Reinheit der Farbe und verblassen oder zerbröseln gar. Oder seine rostigen Funktionalen Skulpturen: Der inszenierte Verfall. Ich liebe Bilder und Objekte die sich mit zunehmendem Alter verändern, Patina ansetzen oder sich auflösen. Restauratorisch höchst bedenklich aber schön. Wie Holz oder Schiefer, die mit zunehmendem Alter grau werden, oder Kupfer, das grün wird. Wunderschön.
Und als ob all das noch nicht reichen würde, macht uns Heinze auch noch auf den Wahnsinn aufmerksam, mit dem Weltweit täglich tausende Kunstwerke in geradezu irrwitzigen Kunsttransportkisten unterwegs sind, einen immensen Aufwand an logistischen und finanziellen Mitteln bedürfen und gigantische ökologische Fußabdrücke hinterlassen. Heinze knüllt seine Bilder einfach in eine Kiste oder rollt sie in ein Kunststoffregenrohr und weg damit. Und so sind die Bilder äußerst günstig von A nach B zu bringen. Auch diese Strategie findet sich schon früh in seinen Arbeiten. Zum Beispiel bei der Beschränkung auf das Format 50 x 60 Zentimeter. Die Ausgangsidee war zwar eine vollkommen andere und hat eher mit der komfortablen Betrachtung der Bilder zu tun, aber diesen Spareffekt hat er quasi billigend in Kauf genommen.
Und so kommt es nun, dass ich wohl zum ersten Mal über Bilder rede und nur kurz zum Ende auf die Motive eingehe, da ich mir Gedanken zu Materialauswahl, Arbeitsweise, Lagerung und Transportökonomie mache. Aber genau dies alles gehört ja auch zu den Millionen Bildern die überall auf der Welt an der Wand hängen, wenn auch unsichtbar. Nun aber doch noch zu den Motiven: Kurz gesagt, und ich es wird dich nicht überraschen, es sind: Zellen. Überwiegend. Manfred Heinze sprach davon, dass er sich auch für die Werkgruppe Dichotomie einige Bilder vorstellen könnte, aber wenn du mich fragst, es werden wohl Zellen sein. Macht ja auch Sinn, denn die schönen, gleichmäßigen, geometrischen Flächen in den Dichotomie-Bildern passen irgendwie nicht mit der brutalen Handhabung der Bilder zusammen. Zellen und geknitterte Oberfläche – dass passt wunderbar. Die Bilder erhalten dadurch eine dritte Dimension. Fast könnte man auch von einem Relief oder einem Objekt sprechen – ein bemaltes Object-Trouve. In einigen Ausstellungen lagen ja schon seine bemalten Leinwände als Objekt auf dem Boden. Dabei sind die Zellen nun deutlich unkontrollierter und schwungvoller, gestischer. Sie gehen deutlich über den Rand hinaus und verweisen somit auf die Ausschnitthaftigkeit des Bildes. Sie sind oft mehrfarbig oder farbig gefüllt, mit Rand oder mit farbigen Zwischenräumen. Teils ist die Farbe nur dünn aufgetragen und/oder stark in den Stoff eingezogen, teils dick aufgetragen, aber mit der Zeit auch stellenweise wieder abgefallen, was durchaus erwünscht und gewollt ist. Einige Stoffmuster sind vorher in der Waschmaschine gebleicht worden, Andere leicht gefärbt.
 
Lass mich noch einmal zusammenfassen: Manfred Heinze malt Bilder auf gefundenen oder gekauften bunten Stoffen, die ohne jeglichen Keilrahmen oder Schmuckrahmen frei an der Wand hängen und wegen ihrer bewußt rücksichtslosen Lagerung dreidimensional in ihrer Erscheinung Zwitterwesen zwischen Gemälden und Objekten sind. Die vielfältigen Aspekte der neuen Bilder sind 1.: Die Materialität des Stoffs und seiner Webart und der aufgetragenen Farbe. 2.: Die Dimension, bezogen auf Höhe, Breite, Stoffdicke, Seitenverhältnis und bei nicht orthogonalen Werken die Winkel. 3.: Die Zeitlichkeit, abzulesen am Stoff oder an der Farbe und der Konservierung des Bildes. 4.: Der Körper des Bildes hinsichtlich seiner Proportionen, der Erscheinung von Symmetrie oder Asymmetrie, der Anzahl der Ecken und ob es rechtwinkelig ist oder auch nicht. 5.: Die Oberfläche, bezogen auf die Dicke des Stoffs und des Fadens, sowie die Technik des Webens. 6.: Der Geschichte, also die Frage nach der Herkunft des Stoffs, wie er hergestellt wurde, wo ihn Manfred Heinze gefunden hat und wie lange er vor der Verwendung im Depot lagerte und wie alt das Bild ist und die Bedeutung des vorhandenen Motivs auf dem Stoff. 7.: Die räumliche Plazierung, ob also das Werk an die Wand gehängt wir, einen Sockel bekommt oder einfach auf dem Boden liegen soll. 8.: Die Rezeption - muss der Rezipient sich seine eigenen Gedanken dazu machen oder bekommt er eine Erläuterung an Hand, wird das Werk hell beleuchtet oder im Dämmerlicht ausgestellt, sind die Raumflächen farbig oder monochrom oder ist der Raum ein White Cube, zeigen sich die Bilder singulär oder im Zusammenhang mit anderen Werken oder gar fremden Werken. Und 9.: Die Verwendung in unterschiedlichen Gesellschaftlichen Zusammenhängen, zum Beispiel: Ist die Präsentation für die allgemeine Öffentlichkeit oder ist es eher ein elitärer Betrachterkreis, ist sie Insidern vorbehalten, also Künstler Kunst oder sollen Randgruppen der Gesellschaft, wie etwas Strafgefangene sich mit den Bildern auseinander setzten.

All diese Punkte kann man bequem diesen Werken entlocken. Das ist es, wo Manfred Heinze wohl immer hin wollte. Hat ja lange gedauert, aber jetzt ist er angekommen.
Mimi ruft zum Mittagessen und ich denke, dass das Meiste dazu gesagt ist.
Ich freue mich auf unsere Reise nach New York. Wird bestimmt ein grandioser Kunstsommer.
Sei ganz lieb von mir gegrüßt. Dein Addo

Admin - 10:15:56 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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